Der letzte Anschub für das Krokodil – Neue Zürcher Zeitung

Der Verein Oerlikon Industriegeschichte(n) will mit einer neuen Website Spenden sammeln, um eine fast 100-jährige Gotthardlokomotive nach gut zehn Jahren Vorarbeit endlich nach Zürich zu holen. Es fehlen noch 120 000 Franken.

Alois Feusi 5.12.2017, 07:00 Uhr

Servicehalt für das Krokodil auf dem Weg vom Depot in Erstfeld in die SBB-Reparaturwerkstätte nach Biel. (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ)

Es sei nun an der Zeit, endlich vom Konjunktiv zum Indikativ zu wechseln, betont Hansruedi Diggelmann vom Verein Oerlikon Industriegeschichte(n) (VOI). Dieser Wunsch ist sehr gut nachvollziehbar. Der Raumplaner und Jurist Diggelmann ist der Leiter des Projekts «Ein Krokodil für Oerlikon» des VOI, und dieses Projekt ist tatsächlich schon seit mehr als zehn Jahren am Laufen. Ziel ist es, eine Krokodil-Lokomotive als Industriedenkmal und auch als Symbol für die nach wie vor herausragende Position von Stadt und Kanton Zürich als Industrie- und Wissensstandort nach Neu-Oerlikon zu holen. Dort soll sie im Pocket-Park an der Ecke Birchstrasse/Binzmühlestrasse aufgestellt werden und unter dem Motto «Zukunft hat Herkunft» für historische Führungen, aber auch für Schul- und Bildungsprojekte der nahen Kantonsschule Zürich Nord und des Ausbildungszentrums Industrielle Berufslehren der Schweiz dienen.

Ein Käfig für das grüne Reptil

Schon mehrfach war in den Zürcher Medien – meist im Konjunktiv – die Rede davon, dass die von 1971 bis 2013 beim Bahnhof Erstfeld im Freien abgestellte und dann ins Depot von SBB Historic verschobene Gotthardlokomotive jetzt dann bald auf das Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) zurückkehren solle. Dort gehört sie auch hin, denn in den Werkhallen der MFO erhielten die bei der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur gebauten, 128 Tonnen schweren Güterlokomotiven die elektrische Ausrüstung. 46 Maschinen der Typen Ce 6/8 II und später Be 6/8 II wurden hier von 1919 bis 1922 montiert.

Einen entscheidenden Schritt vom Konjunktiv hin zum Indikativ machte die Erstfelder Ce 6/8 II Nr. 14 270 am letzten Aprilwochenende 2017, als sie von Erstfeld in die SBB-Industriewerke in Biel geschleppt wurde. Dort wird sie seither revidiert, aber nicht wieder fahrtüchtig gemacht. Dies war die Voraussetzung dafür, dass SBB Historic dem Verein die Lokomotive überhaupt verkaufte und nicht bloss zur Miete überliess.

Das Oerliker Krokodil ist eine Runde weiter

Eine weitere Bedingung war der Bau eines eigenen, geschlossenen Unterstands, um die historische Maschine vor der Witterung ebenso wie vor Vandalen zu schützen. Das Architekturbüro 10:8, das auch den neuen Oerliker Bahnhof baute, entwarf eine Gitterkonstruktion, die sowohl als Käfig für das grüne «Reptil» interpretiert werden kann als auch als Schutzbauwerk gegen den Steinschlag an der Gotthardlinie. Den alpinen Charakter wird auch die Umgebungsgestaltung mit Föhren und einer aus dem Gebäude hinausführenden Bodenplatte mit dem Relief des Gotthardmassivs unterstreichen. Und vor dem Bauwerk kommt eine interaktive, mannhohe Info-Stele zu stehen, wie man sie zum Beispiel bei den Gleisen 41 und 42 des Zürcher Hauptbahnhofs findet. An deren riesigem «WOW»-Screen können sich interessierte Passanten interaktiv mit Handwischen über die Lokomotive und deren Geschichte ins Bild setzen, wenn die Anlage nicht für eine Führung oder einen Anlass geöffnet ist.

Noch fehlen 120 000 Franken

Die Stele ist fertig, die Baubewilligung wurde im März 2017 erteilt, und nun stehen die Vertragsverhandlungen mit den Grundeigentümern auf dem Programm. Am 19. Dezember ist die technische Abnahme der Lokomotive in Biel vorgesehen. Um die Kosten für die Remisierung zu sparen, soll die Lokomotive Anfang Februar nach Zürich Seebach überführt und dort gratis auf dem Industriegleis von Bombardier abgestellt werden, ehe sie dann mit einem Tieflader an ihren endgültigen Standort gelangt.

Allerdings fehlen dem VOI noch 120 000 Franken, und die Ausführungsplanung kann erst in Angriff genommen werden, wenn die Finanzierung vollumfänglich steht. Deshalb lancierte der Verein am Montagabend die Projekt-Website www.krokodil-oerlikon.ch, über die man das fehlende Geld zu beschaffen hofft. Beim VOI ist man zuversichtlich, dass diese Summe zusammenkommen wird; immerhin sind 1,5 Millionen von den Gesamtprojekt-Kosten von 1,62 Millionen bereits vorhanden. Ruedi Huber, VOI-Präsident und direkter Nachfahre des MFO-Gründers Peter Emil Huber-Wertmüller, ist sich sicher: «Die Krokodil-Lokomotive kommt heim.» Und dies noch vor Ende des kommenden Jahres und ganz gewiss im Indikativ.

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Florian Schoop, Fabian Baumgartner

© Neue Zürcher Zeitung AG. Alle Rechte vorbehalten. Eine Weiterverarbeitung, Wiederveröffentlichung oder dauerhafte Speicherung zu gewerblichen oder anderen Zwecken ohne vorherige ausdrückliche Erlaubnis von Neue Zürcher Zeitung ist nicht gestattet.

Der Verein Oerlikon Industriegeschichte(n) will mit einer neuen Website Spenden sammeln, um eine fast 100-jährige Gotthardlokomotive nach gut zehn Jahren Vorarbeit endlich nach Zürich zu holen. Es fehlen noch 120 000 Franken.

Alois Feusi 5.12.2017, 07:00 Uhr

Servicehalt für das Krokodil auf dem Weg vom Depot in Erstfeld in die SBB-Reparaturwerkstätte nach Biel. (Bild: Christoph Ruckstuhl / NZZ)

Es sei nun an der Zeit, endlich vom Konjunktiv zum Indikativ zu wechseln, betont Hansruedi Diggelmann vom Verein Oerlikon Industriegeschichte(n) (VOI). Dieser Wunsch ist sehr gut nachvollziehbar. Der Raumplaner und Jurist Diggelmann ist der Leiter des Projekts «Ein Krokodil für Oerlikon» des VOI, und dieses Projekt ist tatsächlich schon seit mehr als zehn Jahren am Laufen. Ziel ist es, eine Krokodil-Lokomotive als Industriedenkmal und auch als Symbol für die nach wie vor herausragende Position von Stadt und Kanton Zürich als Industrie- und Wissensstandort nach Neu-Oerlikon zu holen. Dort soll sie im Pocket-Park an der Ecke Birchstrasse/Binzmühlestrasse aufgestellt werden und unter dem Motto «Zukunft hat Herkunft» für historische Führungen, aber auch für Schul- und Bildungsprojekte der nahen Kantonsschule Zürich Nord und des Ausbildungszentrums Industrielle Berufslehren der Schweiz dienen.

Ein Käfig für das grüne Reptil

Schon mehrfach war in den Zürcher Medien – meist im Konjunktiv – die Rede davon, dass die von 1971 bis 2013 beim Bahnhof Erstfeld im Freien abgestellte und dann ins Depot von SBB Historic verschobene Gotthardlokomotive jetzt dann bald auf das Gelände der ehemaligen Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) zurückkehren solle. Dort gehört sie auch hin, denn in den Werkhallen der MFO erhielten die bei der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik in Winterthur gebauten, 128 Tonnen schweren Güterlokomotiven die elektrische Ausrüstung. 46 Maschinen der Typen Ce 6/8 II und später Be 6/8 II wurden hier von 1919 bis 1922 montiert.

Einen entscheidenden Schritt vom Konjunktiv hin zum Indikativ machte die Erstfelder Ce 6/8 II Nr. 14 270 am letzten Aprilwochenende 2017, als sie von Erstfeld in die SBB-Industriewerke in Biel geschleppt wurde. Dort wird sie seither revidiert, aber nicht wieder fahrtüchtig gemacht. Dies war die Voraussetzung dafür, dass SBB Historic dem Verein die Lokomotive überhaupt verkaufte und nicht bloss zur Miete überliess.

Das Oerliker Krokodil ist eine Runde weiter

Eine weitere Bedingung war der Bau eines eigenen, geschlossenen Unterstands, um die historische Maschine vor der Witterung ebenso wie vor Vandalen zu schützen. Das Architekturbüro 10:8, das auch den neuen Oerliker Bahnhof baute, entwarf eine Gitterkonstruktion, die sowohl als Käfig für das grüne «Reptil» interpretiert werden kann als auch als Schutzbauwerk gegen den Steinschlag an der Gotthardlinie. Den alpinen Charakter wird auch die Umgebungsgestaltung mit Föhren und einer aus dem Gebäude hinausführenden Bodenplatte mit dem Relief des Gotthardmassivs unterstreichen. Und vor dem Bauwerk kommt eine interaktive, mannhohe Info-Stele zu stehen, wie man sie zum Beispiel bei den Gleisen 41 und 42 des Zürcher Hauptbahnhofs findet. An deren riesigem «WOW»-Screen können sich interessierte Passanten interaktiv mit Handwischen über die Lokomotive und deren Geschichte ins Bild setzen, wenn die Anlage nicht für eine Führung oder einen Anlass geöffnet ist.

Noch fehlen 120 000 Franken

Die Stele ist fertig, die Baubewilligung wurde im März 2017 erteilt, und nun stehen die Vertragsverhandlungen mit den Grundeigentümern auf dem Programm. Am 19. Dezember ist die technische Abnahme der Lokomotive in Biel vorgesehen. Um die Kosten für die Remisierung zu sparen, soll die Lokomotive Anfang Februar nach Zürich Seebach überführt und dort gratis auf dem Industriegleis von Bombardier abgestellt werden, ehe sie dann mit einem Tieflader an ihren endgültigen Standort gelangt.

Allerdings fehlen dem VOI noch 120 000 Franken, und die Ausführungsplanung kann erst in Angriff genommen werden, wenn die Finanzierung vollumfänglich steht. Deshalb lancierte der Verein am Montagabend die Projekt-Website www.krokodil-oerlikon.ch, über die man das fehlende Geld zu beschaffen hofft. Beim VOI ist man zuversichtlich, dass diese Summe zusammenkommen wird; immerhin sind 1,5 Millionen von den Gesamtprojekt-Kosten von 1,62 Millionen bereits vorhanden. Ruedi Huber, VOI-Präsident und direkter Nachfahre des MFO-Gründers Peter Emil Huber-Wertmüller, ist sich sicher: «Die Krokodil-Lokomotive kommt heim.» Und dies noch vor Ende des kommenden Jahres und ganz gewiss im Indikativ.

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