"Das deutsche Krokodil"von Ijoma Mangold – Bürstädter Zeitung – Bürstädter Zeitung

Von Shirin Sojitrawalla

Wenn Literaturkritiker selbst beginnen, belletristische Bücher zu schreiben, ist ihnen die Häme der Kollegen meist sicher. Ijoma Mangold, Literaturchef der Hamburger Wochenzeitung “Die Zeit”, hat es hingegen nicht nötig, sich in die Fiktion zu flüchten, kommt doch sein eigenes Leben abenteuerlicher daher, als es sich manch einer ausdenken könnte, was dazu führt, dass dieses Buch, das seine Geschichte erzählt, zu den beglückenden dieses Herbstes zählt.

Ijoma Mangold versucht in seinem Buch zu enträtseln, warum er geworden ist, was er wurde. 1971 in Heidelberg geboren, wächst er bei seiner ihn alleinerziehenden deutschen Mutter auf. Sein Vater, ein Nigerianer, geht bald nach seiner Geburt, so heißt es, in die Heimat zurück. Erst nach 22 Jahren meldet er sich bei seinem Sohn und will ihn zurück nach Nigeria führen.

Das Kind, das man war,erscheint wie ein Fremder

Mangold beschreibt sein Aufwachsen in Heidelberg, indem er auf sich selbst blickt wie auf eine literarische Figur, mit anteilnehmender Distanz spricht er von sich selbst als von dem Jungen. Das ist folgerichtig, erscheint doch das Kind, das man einst war, nicht selten wie ein Fremder. Mangolds Kinderperspektive schult schönerweise auch den Blick zurück seiner Leser, die indirekt aufgerufen werden, sich der eigenen Anfänge zu besinnen. Doch als hätte er gemerkt, dass er sich aus der Distanz betrachtet nicht näher kommt, wechselt Mangold im zweiten Kapitel in ein Ich, erzählt jetzt wirklich von sich, so weit man wirklich von sich erzählen kann.

Seine Mutter, eine Psychotherapeutin, trichtert ihm schon früh ein, dass er kommunizieren müsse. Das Kommunizieren macht er dann quasi später zu seinem Beruf.

Als Junge wünschte er sich nichts mehr, als von gewöhnlichen Eltern abzustammen. Das meint die quer zur gesellschaftlichen Norm lebende Mutter ebenso wie den afrikanischen Vater. Später unterscheidet er sich gern, stilisiert sich als Außenseiter, liest Thomas Mann, hört Richard Wagner, tut, was man eben nicht tat als Teenager in den Achtzigern.

Dann verschlägt es ihn nach Nigeria. Eine fremde Welt und eine fremde Kultur, die nicht nach den Parametern funktioniert, die ihn geprägt haben. Die neue Familie kommuniziert nicht, sondern inszeniert große Dramen. Das Buch bietet hinreißend komische Szenen, in denen kulturelle Verwerfungen die Steilvorlage für Verwechslungen aller Art bieten. Dabei erweist Mangold sich wie in seinen Literaturkritiken als großer Stilist.

Überhaupt finden sich die Vorzüge seiner journalistischen Arbeit auch in diesem Buch wieder: das elegant Komische, das bildungsbürgerlich Hochgeschraubte, das Sinnenfreudige. Kurz: Lesen!

Noch mehr Nachrichten aus der Region lesen? Testen Sie kostenlos 9 Tage das Komplettpaket Print & Web plus!

Von Shirin Sojitrawalla

Wenn Literaturkritiker selbst beginnen, belletristische Bücher zu schreiben, ist ihnen die Häme der Kollegen meist sicher. Ijoma Mangold, Literaturchef der Hamburger Wochenzeitung “Die Zeit”, hat es hingegen nicht nötig, sich in die Fiktion zu flüchten, kommt doch sein eigenes Leben abenteuerlicher daher, als es sich manch einer ausdenken könnte, was dazu führt, dass dieses Buch, das seine Geschichte erzählt, zu den beglückenden dieses Herbstes zählt.

Ijoma Mangold versucht in seinem Buch zu enträtseln, warum er geworden ist, was er wurde. 1971 in Heidelberg geboren, wächst er bei seiner ihn alleinerziehenden deutschen Mutter auf. Sein Vater, ein Nigerianer, geht bald nach seiner Geburt, so heißt es, in die Heimat zurück. Erst nach 22 Jahren meldet er sich bei seinem Sohn und will ihn zurück nach Nigeria führen.

Das Kind, das man war,erscheint wie ein Fremder

Mangold beschreibt sein Aufwachsen in Heidelberg, indem er auf sich selbst blickt wie auf eine literarische Figur, mit anteilnehmender Distanz spricht er von sich selbst als von dem Jungen. Das ist folgerichtig, erscheint doch das Kind, das man einst war, nicht selten wie ein Fremder. Mangolds Kinderperspektive schult schönerweise auch den Blick zurück seiner Leser, die indirekt aufgerufen werden, sich der eigenen Anfänge zu besinnen. Doch als hätte er gemerkt, dass er sich aus der Distanz betrachtet nicht näher kommt, wechselt Mangold im zweiten Kapitel in ein Ich, erzählt jetzt wirklich von sich, so weit man wirklich von sich erzählen kann.

Seine Mutter, eine Psychotherapeutin, trichtert ihm schon früh ein, dass er kommunizieren müsse. Das Kommunizieren macht er dann quasi später zu seinem Beruf.

Als Junge wünschte er sich nichts mehr, als von gewöhnlichen Eltern abzustammen. Das meint die quer zur gesellschaftlichen Norm lebende Mutter ebenso wie den afrikanischen Vater. Später unterscheidet er sich gern, stilisiert sich als Außenseiter, liest Thomas Mann, hört Richard Wagner, tut, was man eben nicht tat als Teenager in den Achtzigern.

Dann verschlägt es ihn nach Nigeria. Eine fremde Welt und eine fremde Kultur, die nicht nach den Parametern funktioniert, die ihn geprägt haben. Die neue Familie kommuniziert nicht, sondern inszeniert große Dramen. Das Buch bietet hinreißend komische Szenen, in denen kulturelle Verwerfungen die Steilvorlage für Verwechslungen aller Art bieten. Dabei erweist Mangold sich wie in seinen Literaturkritiken als großer Stilist.

Überhaupt finden sich die Vorzüge seiner journalistischen Arbeit auch in diesem Buch wieder: das elegant Komische, das bildungsbürgerlich Hochgeschraubte, das Sinnenfreudige. Kurz: Lesen!

Noch mehr Nachrichten aus der Region lesen? Testen Sie kostenlos 9 Tage das Komplettpaket Print & Web plus!

Continued here:

"Das deutsche Krokodil"von Ijoma Mangold – Bürstädter Zeitung – Bürstädter Zeitung

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *