"Das deutsche Krokodil": Ijoma Mangold über seine Jugend in der … – Bayerischer Rundfunk

In den 1970er Jahren wuchs Ijoma Mangold in Dossenheim bei Heidelberg auf. Seine Mutter stammt aus Schlesien, sein Vater war aus Nigeria nach Deutschland gekommen, um sich zum Facharzt für Kinderchirurgie ausbilden zu lassen. Weil es so verabredet war, ging er nach kurzer Zeit nach Afrika zurück und gründete dort eine neue Familie. Erst 22 Jahre später meldete er sich wieder.

Antonio Pellegrino: Ihre Kindheit mit Ihrer Mutter, Ulla Mangold, im Heidelberg der 1970er Jahre war eine behütete?

Ijoma Mangold: Absolut, sehr behütet. Allerding mit der einen, sehr augenfälligen Abweichung, dass ich anders aussah als alle anderen. Und dass mein anderes Aussehen auf einen abwesenden Vater hinwies. Wenn man mich fragte, woher hast du diesen Namen oder warum siehst du so aus, wie du aussiehst, dann musste ich auf einen Menschen verweisen, den ich nicht kannte. Denn ich war ein Jahr alt, als mein Vater nach Nigeria zurückgegangen ist. Ich musste also von einem Menschen sprechen, der eine Leerstelle war, und das war mir als Kind sehr unangenehm.

Welche Strategien haben Sie entwickelt?

Als Kind sehnen Sie sich nach Normalität und versuchen immerzu Normalität herzustellen. Was gab es für Normalisierungstrategien? Zum einen: Wenig darüber reden. Also wenn jemand fragte, wie heißt du, sagte ich „Ijoma“. Und dann kam immer die Gegenfrage: Wo kommt der Name her? Da habe ich mich äußerst knapp gehalten, denn ich wollte nicht die ganze Familiengeschichte ausbreiten. Es waren die 1970er Jahre, ein Sohn mit alleinerziehender Mutter zu sein, das fand ich doch ein wenig anstößig. Zum anderen: Wenn das Aussehen Sie absetzt von allen anderen, dann ist die Sprache eine Möglichkeit, diese Abweichung wieder zu kompensieren. Also habe ich mir ein besonders stechendes, ein besonders scharf gesprochenes Deutsch angewöhnt.

Es waren schöne Jahre, ohne Angriffe oder Attacken, ohne rassistische Überfälle, ohne Diskriminierung. Anders als in den 1960er oder 1990er Jahren, als beispielsweise im Osten Asylheime angezündet wurden.

Dossenheim ist ein kleiner Vorort von Heidelberg, Heidelberg ist eine Universitätsstadt, sehr liberal, sehr mildes Klima. Ich glaube, es ging den Leuten auch einfach gut. Heidelberg hatte auch immer viele Fremde. Dennoch kannte man mich allein deswegen, weil kein anderer so aussah wie ich. Insofern hat es auch Vorteile, wenn es Sie nur einmal gibt, denn Rassismus wendet sich in der Regel oder fast ausschließlich gegen Gruppen. Aber ich war ja keine Gruppe. Ich glaube, das war der große Unterschied,

Wie würden Sie heute die Rolle Ihrer Mutter beschreiben, die sich ja über alle Konventionen hinweggesetzt hat?

Heute bewundere ich sie dafür. Als Kind fand ich es unangenehm, denn sie war so unkonventionell, dass das auch irgendwie eine Quelle der Unsicherheit und Instabilität war. Es war ja schon so ungewöhnlich, einen afrikanischen Vater zu haben, der noch nicht einmal anwesend ist. Aber dann machte meine Mutter auch sonst immer alles anders. Sie hatte z.B. kein Auto. Und Sie müssen sich vorstellen, die Bundesrepublik verstand sich als Auto-Nation. Wir hatten auch keinen Fernseher. Meine Mutter fand generell, man solle nicht darauf achten, wie die anderen Leute ticken. Meine Oma sagte dagegen gerne den Satz: “Was sollen denn die anderen denken.” Ich fand den Satz sehr gut und sehr berechtigt, obwohl ich wusste, dass meine Mutter ihn missbilligt, weil sie fand, jeder müsse sein eigenes Urteil haben.

Und dann kam irgendwann Ihr Vater wieder ins Spiel.

Ich war 22 Jahre alt. Da kam Post von meinem Vater und ich dachte: Oh je, was passiert denn jetzt. Denn ich hatte mich gut eingerichtet im Leben ohne Vater. Er fehlte mir eigentlich auch gar nicht, es war gut so wie es war. Sie können jemanden, den Sie gar nicht kennen, auch nicht vermissen. Und ich wusste: Mist, jetzt schreibt er dir, das heißt, er will etwas von dir. Mir war in dem Moment klar, noch bevor ich den Brief geöffnet hatte, das wird mein Leben ändern.

Wie entwickelte sich das Verhältnis zu Ihrem Vater und zu Ihren Geschwistern?

Das Verhältnis zu meinen Schwestern ist sehr herzlich. Sie liebten mich von der ersten Sekunde an. Bei meinem Vater? Er ist eine sehr eindrucksvolle Figur, eine große Autorität. Er vertritt auch eine sehr patriarchale Gesellschaft. Wenn ich ihn einfach so kennengelernt hätte, würde ich sagen: super Typ! Er war mir auch sympathisch. Aber ich hatte natürlich keine anhänglich zärtlichen Gefühle, denn ich kannte ihn gar nicht. Das hat mich manchmal irritiert – ihn glaube ich nicht so. Viel wichtiger für ihn war ja, diese genealogische Konstellation auszuleben. Er hatte nämlich keinen Sohn und als Chief braucht man einen Thronfolger. Und für diese Rolle hat er mich ausersehen. Er wollte mich also am liebsten gleich in Nigeria verheiraten, er wollte mir sein Krankenhaus überschreiben usw. Er hatte lauter Pläne, die im Rahmen der nigerianischen Gesellschaft absolut Sinn machen, die aber nicht wirklich darauf abgestimmt waren, dass ich komplett deutsch sozialisiert und mit 23 zum ersten Mal in Nigeria gelandet war. Mein Vater war so überzeugt davon, dass ich per Blut nigerianisch fühle, dass ich, kaum dass ich nigerianischen Boden betrete, mich komplett in dieses Gesellschaftssystem einfügen würde. Und da musste ich ihn enttäuschen.

Autobiographien oder gar Memoiren zu verfassen, scheint nicht gerade das Gebot der Stunde, sondern eher das soziologische Schreiben: Indem ich über mich schreibe, schaue ich kulturell, politisch, mentalitätsgeschichtlich auf meine Umwelt und liefere möglicherweise eine bessere Definition von mir.

Ja absolut, dieses Genre ist sehr virulent. Denken Sie an Didier Eribons “Rückkehr nach Reims”. Durch das autobiographische Erzählen wird versucht, tatsächlich einen soziologischen Blick auf die Gesellschaft zu werfen, das finde ich sehr reizvoll. Das war es auch, was ich mir für mein Buch gewünscht und erhofft habe, dass ich eine individuelle Geschichte erzähle. Dass es deswegen interessant ist, weil diese Geschichte etwas über die Mentalität und die sozialen Mechanismen der alten Bundesrepublik und des wiedervereinten Deutschland zu erzählen vermag. Und ich glaube schon, dass die Gesellschaft wie selbstverständlich davon profitiert, wenn möglichst viele, möglichst unterschiedliche Geschichten erzählt werden. Weil in ihnen überhaupt erst greifbar wird, was eine Gesellschaft ausmacht.

Ijoma Mangold “Das deutsche Krokodil”
Mit Thomas Birnstiel
Rowohlt

In den 1970er Jahren wuchs Ijoma Mangold in Dossenheim bei Heidelberg auf. Seine Mutter stammt aus Schlesien, sein Vater war aus Nigeria nach Deutschland gekommen, um sich zum Facharzt für Kinderchirurgie ausbilden zu lassen. Weil es so verabredet war, ging er nach kurzer Zeit nach Afrika zurück und gründete dort eine neue Familie. Erst 22 Jahre später meldete er sich wieder.

Antonio Pellegrino: Ihre Kindheit mit Ihrer Mutter, Ulla Mangold, im Heidelberg der 1970er Jahre war eine behütete?

Ijoma Mangold: Absolut, sehr behütet. Allerding mit der einen, sehr augenfälligen Abweichung, dass ich anders aussah als alle anderen. Und dass mein anderes Aussehen auf einen abwesenden Vater hinwies. Wenn man mich fragte, woher hast du diesen Namen oder warum siehst du so aus, wie du aussiehst, dann musste ich auf einen Menschen verweisen, den ich nicht kannte. Denn ich war ein Jahr alt, als mein Vater nach Nigeria zurückgegangen ist. Ich musste also von einem Menschen sprechen, der eine Leerstelle war, und das war mir als Kind sehr unangenehm.

Welche Strategien haben Sie entwickelt?

Als Kind sehnen Sie sich nach Normalität und versuchen immerzu Normalität herzustellen. Was gab es für Normalisierungstrategien? Zum einen: Wenig darüber reden. Also wenn jemand fragte, wie heißt du, sagte ich „Ijoma“. Und dann kam immer die Gegenfrage: Wo kommt der Name her? Da habe ich mich äußerst knapp gehalten, denn ich wollte nicht die ganze Familiengeschichte ausbreiten. Es waren die 1970er Jahre, ein Sohn mit alleinerziehender Mutter zu sein, das fand ich doch ein wenig anstößig. Zum anderen: Wenn das Aussehen Sie absetzt von allen anderen, dann ist die Sprache eine Möglichkeit, diese Abweichung wieder zu kompensieren. Also habe ich mir ein besonders stechendes, ein besonders scharf gesprochenes Deutsch angewöhnt.

Es waren schöne Jahre, ohne Angriffe oder Attacken, ohne rassistische Überfälle, ohne Diskriminierung. Anders als in den 1960er oder 1990er Jahren, als beispielsweise im Osten Asylheime angezündet wurden.

Dossenheim ist ein kleiner Vorort von Heidelberg, Heidelberg ist eine Universitätsstadt, sehr liberal, sehr mildes Klima. Ich glaube, es ging den Leuten auch einfach gut. Heidelberg hatte auch immer viele Fremde. Dennoch kannte man mich allein deswegen, weil kein anderer so aussah wie ich. Insofern hat es auch Vorteile, wenn es Sie nur einmal gibt, denn Rassismus wendet sich in der Regel oder fast ausschließlich gegen Gruppen. Aber ich war ja keine Gruppe. Ich glaube, das war der große Unterschied,

Wie würden Sie heute die Rolle Ihrer Mutter beschreiben, die sich ja über alle Konventionen hinweggesetzt hat?

Heute bewundere ich sie dafür. Als Kind fand ich es unangenehm, denn sie war so unkonventionell, dass das auch irgendwie eine Quelle der Unsicherheit und Instabilität war. Es war ja schon so ungewöhnlich, einen afrikanischen Vater zu haben, der noch nicht einmal anwesend ist. Aber dann machte meine Mutter auch sonst immer alles anders. Sie hatte z.B. kein Auto. Und Sie müssen sich vorstellen, die Bundesrepublik verstand sich als Auto-Nation. Wir hatten auch keinen Fernseher. Meine Mutter fand generell, man solle nicht darauf achten, wie die anderen Leute ticken. Meine Oma sagte dagegen gerne den Satz: “Was sollen denn die anderen denken.” Ich fand den Satz sehr gut und sehr berechtigt, obwohl ich wusste, dass meine Mutter ihn missbilligt, weil sie fand, jeder müsse sein eigenes Urteil haben.

Und dann kam irgendwann Ihr Vater wieder ins Spiel.

Ich war 22 Jahre alt. Da kam Post von meinem Vater und ich dachte: Oh je, was passiert denn jetzt. Denn ich hatte mich gut eingerichtet im Leben ohne Vater. Er fehlte mir eigentlich auch gar nicht, es war gut so wie es war. Sie können jemanden, den Sie gar nicht kennen, auch nicht vermissen. Und ich wusste: Mist, jetzt schreibt er dir, das heißt, er will etwas von dir. Mir war in dem Moment klar, noch bevor ich den Brief geöffnet hatte, das wird mein Leben ändern.

Wie entwickelte sich das Verhältnis zu Ihrem Vater und zu Ihren Geschwistern?

Das Verhältnis zu meinen Schwestern ist sehr herzlich. Sie liebten mich von der ersten Sekunde an. Bei meinem Vater? Er ist eine sehr eindrucksvolle Figur, eine große Autorität. Er vertritt auch eine sehr patriarchale Gesellschaft. Wenn ich ihn einfach so kennengelernt hätte, würde ich sagen: super Typ! Er war mir auch sympathisch. Aber ich hatte natürlich keine anhänglich zärtlichen Gefühle, denn ich kannte ihn gar nicht. Das hat mich manchmal irritiert – ihn glaube ich nicht so. Viel wichtiger für ihn war ja, diese genealogische Konstellation auszuleben. Er hatte nämlich keinen Sohn und als Chief braucht man einen Thronfolger. Und für diese Rolle hat er mich ausersehen. Er wollte mich also am liebsten gleich in Nigeria verheiraten, er wollte mir sein Krankenhaus überschreiben usw. Er hatte lauter Pläne, die im Rahmen der nigerianischen Gesellschaft absolut Sinn machen, die aber nicht wirklich darauf abgestimmt waren, dass ich komplett deutsch sozialisiert und mit 23 zum ersten Mal in Nigeria gelandet war. Mein Vater war so überzeugt davon, dass ich per Blut nigerianisch fühle, dass ich, kaum dass ich nigerianischen Boden betrete, mich komplett in dieses Gesellschaftssystem einfügen würde. Und da musste ich ihn enttäuschen.

Autobiographien oder gar Memoiren zu verfassen, scheint nicht gerade das Gebot der Stunde, sondern eher das soziologische Schreiben: Indem ich über mich schreibe, schaue ich kulturell, politisch, mentalitätsgeschichtlich auf meine Umwelt und liefere möglicherweise eine bessere Definition von mir.

Ja absolut, dieses Genre ist sehr virulent. Denken Sie an Didier Eribons “Rückkehr nach Reims”. Durch das autobiographische Erzählen wird versucht, tatsächlich einen soziologischen Blick auf die Gesellschaft zu werfen, das finde ich sehr reizvoll. Das war es auch, was ich mir für mein Buch gewünscht und erhofft habe, dass ich eine individuelle Geschichte erzähle. Dass es deswegen interessant ist, weil diese Geschichte etwas über die Mentalität und die sozialen Mechanismen der alten Bundesrepublik und des wiedervereinten Deutschland zu erzählen vermag. Und ich glaube schon, dass die Gesellschaft wie selbstverständlich davon profitiert, wenn möglichst viele, möglichst unterschiedliche Geschichten erzählt werden. Weil in ihnen überhaupt erst greifbar wird, was eine Gesellschaft ausmacht.

Ijoma Mangold “Das deutsche Krokodil
Mit Thomas Birnstiel
Rowohlt

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