Ijoma Mangold: "Das deutsche Krokodil – Meine Geschichte" | NDR … – NDR.de

Stand: 14.08.2017 10:11 Uhr

Das deutsche Krokodil – Meine Geschichte

von Ijoma Mangold Mangold

Vorgestellt von Alexander Solloch

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Ijoma Mangold studierte Literaturwissenschaft und Philosophie. Derzeit ist einer der vier Kritiker der Sendung “lesenswert” im SWR.
Jetzt setzt sich der, der bislang immer kritisiert hat, selbst der Kritik aus: Am Freitag erscheint Ijoma Mangolds erstes Buch “Das deutsche Krokodil”, das im Untertitel beansprucht, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Mangold, 1971 in Heidelberg geboren als Sohn einer Schlesierin und eines Nigerianers, seit 2009 Literaturchef der Wochenzeitung “Die Zeit”, vielen auch bekannt geworden durch die recht kurzlebige Sendung “Die Vorleser”, die er im ZDF gemeinsam mit Amelie Fried moderierte – dieser Mangold gilt heute als einer der profiliertesten Literaturkritiker in Deutschland. Aber ist er auch ein guter Erzähler?
Rückschau am Laptop im Mittleren Westen
Das Miserable, das ganz und gar Beklagenswerte an diesem Buch ist die Geschichte seiner Entstehung: “Ich hatte vor drei Jahren ein Sabbatical in den USA, Gastprofessur an der Washington University in St. Louis. Da hatte ich nicht sehr viel zu tun. Ich hatte immer schon – oder schon länger – das Bedürfnis, mal zu schauen, ob es neben dem journalistischen Schreiben für mich auch eine andere Möglichkeit des freieren Schreibens geben könnte. So saß ich tatsächlich im Mittleren Westen, schlug in so einem netten Café den Laptop auf, machte eine Textdatei auf und dachte: So, jetzt hast du drei Monate und wirst hier jeden Tag mindestens fünf Stunden sitzen”, erinnert sich Ijoma Mangold.
Also, das ist ja ernüchternd: Es war halt endlich mal Zeit – was für eine beliebige Erklärung für ein Buch, das doch wohl unzweifelhaft geschrieben werden musste, herausgeschrieben gewissermaßen aus dem Schlunde tiefer Seelennot, der Not eines jungen Mannes, eines Heranwachsenden, eines Kindes:
“Wenn der Junge das Telefon abnimmt, meldet er sich mit seinem vollen Namen. Manche Anrufer, die seine Mutter sprechen wollen, sind belustigt und ahmen ihn nach, als hätte der Junge in kindlicher Selbstverliebtheit etwas gesungen, das ein zärtliches Echo verdient. Wenn er seinen ganzen Namen ausspricht, kommt er auf neun Silben. Sie haben nicht nur Klang, sondern auch Rhythmus. Wie eine Wellenbewegung. Aber das ist nicht der Grund, warum er den Mund so voll nimmt; es ist der Versuch, sein Schicksal abzuschwächen. Sein zweiter Vorname, das ist seine Hoffnung, soll die Exotik seines ersten Vornamens mildern: Ijoma Alexander Mangold.” Leseprobe
Ein paar Sätze sind’s nur, und schon ist dem Leser egal, wie der Autor seinen ersten literarischen Versuch legitimiert.
Mehr noch: Ihm ist sogar klar, warum er gerade jetzt und gerade so beiläufig dieses große Buch schreiben konnte. Mit Mitte 40 ist sein Abstand groß genug, um frei von Pathos und ironisch, dann aber auch zärtlich und verständnisvoll von jenem Ijoma zu erzählen, der er einst gewesen ist: jenem Jungen, der behütet bei seiner unkonventionellen Mutter aufwuchs, aber immer mit der Katastrophe rechnete.
Ein Holzkrokodil auf dem Fenstersims
Die schlich sich in seinem Kopf unfehlbar auf zwei Pfaden an: Würde ihn das Aufwachsen ohne Vater in den Augen seiner Freunde nicht bald schon diskreditieren? Und müsste ihn seine dunkle Hautfarbe nicht bald schon zum Opfer rassistischer Vorkommnisse machen?  In der Wohnung starrte ihn ein Krokodil aus Ebenholz an, während er sich fast schon mit dem Gedanken anzufreunden begann, dass die Katastrophe wohl gar nicht kommen werde.

Sendehinweis

36:43

18.08.2017 13:03 Uhr
NDR Kultur
Der Literaturkritiker Ijoma Mangold ist in Heidelberg als Kind eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter aufgewachsen. In Klassik à la carte erzählt er davon
Audio (36:43 min)

“Nur dass dieses Krokodil auf unserem Fenstersims steht – das, dachte ich, das muss nicht sein! Da könnte man sich gleich selber anzeigen! Dieses Krokodil, so schien mir, weist darauf hin, dass unser Haushalt etwas mit Afrika zu tun hat. Und da hatte ich Angst, dass es meinen Freunden, wenn sie zu Besuch kommen und das Krokodil sehen, wie Schuppen von den Augen fällt,” so der Autor.

Jeder, der einmal ein Kind gewesen ist, wird sich in Ijoma Mangolds aufregender Erzählung wiederfinden: Kalter Schweiß benetzt die Stirn des Lesers, wenn er sich daran erinnert, wie unsagbar aufreibend der tägliche Kampf um soziale Reputation in der brutalen Schulgemeinschaft gewesen ist; und erleichtert lacht er beim Lesen auf angesichts des Glücks, dass diese schlimme Zeit vorbei ist.

Der Besuch aus Nigeria, der Fragen aufwirft

Die Geschichte aber geht weiter: Mit Anfang zwanzig lernt Ijoma nicht nur seinen Vater, sondern auch seine Schwestern kennen. Nigeria zieht ihn an, stößt ihn ab. Und wird, so denkt man beim fulminanten Schlusskapitel, das vom Besuch seiner jüngsten Schwester Ijeure in Berlin erzählt, noch einiges mit ihm machen…  

“Kaum hatte ich ihr Gepäck in den Bus gehievt, setzte sie mir mit zwei Fragekomplexen zu. Es war eindeutig, sie wollte keine Zeit verlieren: warum ich nicht verheiratet sei und warum ich nicht an Gott glaubte. Die Wahrheit ist, ich glaube an Gott, aber wenn man mir so kommt, behaupte ich prinzipiell das Gegenteil. Ob ich denn nicht die Bibel gelesen hätte, da gebe es jede Menge Beweise für seine Existenz. Wie der klassische Teufel mit seiner Zersetzungskunst fragte ich, ob ihr nicht aufgefallen sei, dass die vier Evangelien die Geschichte durchaus unterschiedlich erzählten. Ijeures Reaktion war ein lautes Lachen, als könne man sich zu so viel vorsätzlicher Torheit gar nicht mehr verhalten. Gott habe mir leider zu viel Intelligenz mit auf den Weg gegeben, um die Wahrheit zu erkennen.” Leseprobe

Klar ist nach seinem literarischen Debüt: Ijoma Mangold muss unbedingt noch ein Buch schreiben und noch eins und immer noch mehr. Allzu viele “Sabbaticals” sieht das Arbeitsrecht aber nicht vor. Darum ergeht die dringende Aufforderung an “Die Zeit”, ihren Literaturchef fristlos zu entlassen.

Das deutsche Krokodil – Meine Geschichte

von Ijoma Mangold Mangold

Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04468-8
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.08.2017 | 12:40 Uhr

Stand: 14.08.2017 10:11 Uhr

Das deutsche Krokodil – Meine Geschichte

von Ijoma Mangold Mangold

Vorgestellt von Alexander Solloch

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Ijoma Mangold studierte Literaturwissenschaft und Philosophie. Derzeit ist einer der vier Kritiker der Sendung “lesenswert” im SWR.
Jetzt setzt sich der, der bislang immer kritisiert hat, selbst der Kritik aus: Am Freitag erscheint Ijoma Mangolds erstes Buch “Das deutsche Krokodil”, das im Untertitel beansprucht, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Mangold, 1971 in Heidelberg geboren als Sohn einer Schlesierin und eines Nigerianers, seit 2009 Literaturchef der Wochenzeitung “Die Zeit”, vielen auch bekannt geworden durch die recht kurzlebige Sendung “Die Vorleser”, die er im ZDF gemeinsam mit Amelie Fried moderierte – dieser Mangold gilt heute als einer der profiliertesten Literaturkritiker in Deutschland. Aber ist er auch ein guter Erzähler?
Rückschau am Laptop im Mittleren Westen
Das Miserable, das ganz und gar Beklagenswerte an diesem Buch ist die Geschichte seiner Entstehung: “Ich hatte vor drei Jahren ein Sabbatical in den USA, Gastprofessur an der Washington University in St. Louis. Da hatte ich nicht sehr viel zu tun. Ich hatte immer schon – oder schon länger – das Bedürfnis, mal zu schauen, ob es neben dem journalistischen Schreiben für mich auch eine andere Möglichkeit des freieren Schreibens geben könnte. So saß ich tatsächlich im Mittleren Westen, schlug in so einem netten Café den Laptop auf, machte eine Textdatei auf und dachte: So, jetzt hast du drei Monate und wirst hier jeden Tag mindestens fünf Stunden sitzen”, erinnert sich Ijoma Mangold.
Also, das ist ja ernüchternd: Es war halt endlich mal Zeit – was für eine beliebige Erklärung für ein Buch, das doch wohl unzweifelhaft geschrieben werden musste, herausgeschrieben gewissermaßen aus dem Schlunde tiefer Seelennot, der Not eines jungen Mannes, eines Heranwachsenden, eines Kindes:
“Wenn der Junge das Telefon abnimmt, meldet er sich mit seinem vollen Namen. Manche Anrufer, die seine Mutter sprechen wollen, sind belustigt und ahmen ihn nach, als hätte der Junge in kindlicher Selbstverliebtheit etwas gesungen, das ein zärtliches Echo verdient. Wenn er seinen ganzen Namen ausspricht, kommt er auf neun Silben. Sie haben nicht nur Klang, sondern auch Rhythmus. Wie eine Wellenbewegung. Aber das ist nicht der Grund, warum er den Mund so voll nimmt; es ist der Versuch, sein Schicksal abzuschwächen. Sein zweiter Vorname, das ist seine Hoffnung, soll die Exotik seines ersten Vornamens mildern: Ijoma Alexander Mangold.” Leseprobe
Ein paar Sätze sind’s nur, und schon ist dem Leser egal, wie der Autor seinen ersten literarischen Versuch legitimiert.
Mehr noch: Ihm ist sogar klar, warum er gerade jetzt und gerade so beiläufig dieses große Buch schreiben konnte. Mit Mitte 40 ist sein Abstand groß genug, um frei von Pathos und ironisch, dann aber auch zärtlich und verständnisvoll von jenem Ijoma zu erzählen, der er einst gewesen ist: jenem Jungen, der behütet bei seiner unkonventionellen Mutter aufwuchs, aber immer mit der Katastrophe rechnete.
Ein Holzkrokodil auf dem Fenstersims
Die schlich sich in seinem Kopf unfehlbar auf zwei Pfaden an: Würde ihn das Aufwachsen ohne Vater in den Augen seiner Freunde nicht bald schon diskreditieren? Und müsste ihn seine dunkle Hautfarbe nicht bald schon zum Opfer rassistischer Vorkommnisse machen?  In der Wohnung starrte ihn ein Krokodil aus Ebenholz an, während er sich fast schon mit dem Gedanken anzufreunden begann, dass die Katastrophe wohl gar nicht kommen werde.

Sendehinweis

36:43

18.08.2017 13:03 Uhr
NDR Kultur
Der Literaturkritiker Ijoma Mangold ist in Heidelberg als Kind eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter aufgewachsen. In Klassik à la carte erzählt er davon
Audio (36:43 min)

“Nur dass dieses Krokodil auf unserem Fenstersims steht – das, dachte ich, das muss nicht sein! Da könnte man sich gleich selber anzeigen! Dieses Krokodil, so schien mir, weist darauf hin, dass unser Haushalt etwas mit Afrika zu tun hat. Und da hatte ich Angst, dass es meinen Freunden, wenn sie zu Besuch kommen und das Krokodil sehen, wie Schuppen von den Augen fällt,” so der Autor.

Jeder, der einmal ein Kind gewesen ist, wird sich in Ijoma Mangolds aufregender Erzählung wiederfinden: Kalter Schweiß benetzt die Stirn des Lesers, wenn er sich daran erinnert, wie unsagbar aufreibend der tägliche Kampf um soziale Reputation in der brutalen Schulgemeinschaft gewesen ist; und erleichtert lacht er beim Lesen auf angesichts des Glücks, dass diese schlimme Zeit vorbei ist.

Der Besuch aus Nigeria, der Fragen aufwirft

Die Geschichte aber geht weiter: Mit Anfang zwanzig lernt Ijoma nicht nur seinen Vater, sondern auch seine Schwestern kennen. Nigeria zieht ihn an, stößt ihn ab. Und wird, so denkt man beim fulminanten Schlusskapitel, das vom Besuch seiner jüngsten Schwester Ijeure in Berlin erzählt, noch einiges mit ihm machen…  

“Kaum hatte ich ihr Gepäck in den Bus gehievt, setzte sie mir mit zwei Fragekomplexen zu. Es war eindeutig, sie wollte keine Zeit verlieren: warum ich nicht verheiratet sei und warum ich nicht an Gott glaubte. Die Wahrheit ist, ich glaube an Gott, aber wenn man mir so kommt, behaupte ich prinzipiell das Gegenteil. Ob ich denn nicht die Bibel gelesen hätte, da gebe es jede Menge Beweise für seine Existenz. Wie der klassische Teufel mit seiner Zersetzungskunst fragte ich, ob ihr nicht aufgefallen sei, dass die vier Evangelien die Geschichte durchaus unterschiedlich erzählten. Ijeures Reaktion war ein lautes Lachen, als könne man sich zu so viel vorsätzlicher Torheit gar nicht mehr verhalten. Gott habe mir leider zu viel Intelligenz mit auf den Weg gegeben, um die Wahrheit zu erkennen.” Leseprobe

Klar ist nach seinem literarischen Debüt: Ijoma Mangold muss unbedingt noch ein Buch schreiben und noch eins und immer noch mehr. Allzu viele “Sabbaticals” sieht das Arbeitsrecht aber nicht vor. Darum ergeht die dringende Aufforderung an “Die Zeit”, ihren Literaturchef fristlos zu entlassen.

Das deutsche Krokodil – Meine Geschichte

von Ijoma Mangold Mangold

Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04468-8
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.08.2017 | 12:40 Uhr

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